Besonders beliebt bei 12- bis 19-Jährigen und bekannt für sein Sucht-Potential: Das Spiel «Fortnite»
Bild: Stefan Kämpfen
1/1 Besonders beliebt bei 12- bis 19-Jährigen und bekannt für sein Sucht-Potential: Das Spiel «Fortnite» Bild: Stefan Kämpfen
30.05.2019 18:00

Ballern ohne Ende: Wenn «Fortnite» zur Sucht wird

Es sei das Heroin unter den E-Games und mache süchtig wie Kokain. Die schlechten Schlagzeilen über das beliebte Spiel «Fortnite» überschlagen sich förmlich. 200 Millionen registrierte Spieler zählen die Betreiber mittlerweile. Was den Entwicklern Milliardengewinne generiert, beschert Eltern schlaflose Nächte, - auch in Luzern.

Luzern «Fortnite» (vom Englischen «fortnight», zu Deutsch «vierzehn Tage») ist ein Überlebensspiel, das in verschiedenen Modis gespielt werden kann. Es treten bis zu 100 Spieler entweder alleine, zu zweit oder als Team von bis zu vier Spielern gegeneinander an. Das Ziel: Möglichst viele Gegner töten. Vor allem bei 12- bis 19-Jährigen stösst das Ballerspiel auf grosse Beliebtheit. Es ist so angesagt, dass nicht nur Jugendliche die Tänze der Figuren imitieren, sondern auch Musiker, Moderatoren und Sportler. Immer wieder ist davon zu lesen, dass Kinder Suchtsymptome zeigen und aggressives Verhalten an den Tag legen, wenn ihnen das Spiel verboten wird. In England nässte sich ein 8-jähriges Mädchen während des Spiels ein, weil es «Fortnite» nicht für einen Toilettengang unterbrechen wollte. Doch wie süchtig macht das Spiel wirklich? Wir fragen bei Celia Zappa nach. Sie ist Beraterin bei der Jugend- und Familienberatung CONTACT in Luzern. «Ein problematisches Verhalten kann sich ab 20 Stunden Internetzeit pro Woche zeigen. Die Nutzungszeit allein ist nicht ausschlaggebend, aber je höher die Zeit, umso höher ist die Suchtgefahr.» Wie viele Menschen sich bisher wegen «Fortnite» bei CONTACT gemeldet haben, kann Zappa nicht beziffern. «Fortnite wird aber momentan zu zirka 75% genannt, wenn es um problematisches Gaming geht.» Das extremste Beispiel, das ihr bisher unter die Augen kam, war ein 15-jähriger Junge, der jeden Morgen seinen Wecker stellte, damit er spielen konnte. Er berichtete, dass er ausser der Schulanwesenheit nichts anderes mehr tat. «In der Reflexion ist er darauf gekommen, dass sein Spielkonsum im Schnitt täglich 10 Stunden überschritt. Beim besagten Jungen ging es zwar um ein anderes Spiel, doch eine solche Nutzungszeit innerhalb der Freizeit höre ich mit Fortnite wieder öfter.» Die Konsequenzen sind Vernachlässigung der Ernährung, Hygiene, sozialen Kontakte oder Schule und geht hin bis zu Gereiztheit oder Aggression. «Das äussert sich in Wutanfällen, Trotzreaktionen, Schreien, Rückzug und Gewaltausbrüchen», bestätigt Jacqueline Mennel Kaeslin von der Fachstelle für Prävention und Suchttherapie «Akzent» in Luzern.

«Ab 30 Stunden pro Woche steigt die Suchtgefahr»

Verschiedene Levels und Updates sowie ein ausgeklügeltes Belohnungssystem mit täglichen und wöchentlichen Herausforderungen sorgen dafür, dass es nie langweilig wird. Für Hubert Bucher aus Gisikon, Vater eines 10-jährigen Sohns, ist klar, «dass Fortnite versucht, eine Abhängigkeit zu erzeugen, denn man muss Figuren kaufen, Stufen hochklettern und man will mit anderen Kindern oder Schülern mitreden können.» In der Tat scheint der Gruppendruck in der Schule eine wesentliche Rolle zu spielen, denn bei einem Spielverbot wehren sich die Bestraften oft mit der Aussage, dass alle anderen Schüler «Fortnite» spielen dürfen. «Mobbing ist ebenfalls ein Thema», ist sich Valeria Gunz aus Luzern, Mutter eines 11-jährigen Sohns, bewusst, «denn die Kinder spielen zwar in Gruppen, können aber einzelne auch ausschliessen.» Problematisch auch, dass Eltern nicht wissen, mit wem ihr Sprössling gerade über das Headset kommuniziert. «Fortnite» wird auch von vielen Erwachsenen gespielt und es ist für schwarze Schafe ein leichtes, sich auf diesem Weg mit Kindern in Verbindung zu setzen. Ebenso viel Vertrauen in den eigenen Nachwuchs braucht es bei Abwesenheit der Eltern. Kinder und Jugendliche, die angeben Sport zu treiben oder Hausaufgaben zu machen, greifen in der «elternfreien» Zeit gerne zum Joystick. Oder aber, sie treffen sich bei einem anderen Klassen-«Gspändli», bei dessen Eltern laschere Regeln gelten und ballern dort herum.

«Sie kennen vielfach kein NEIN»

So vielfältig wie die Ausreden und Tricks bei jungen Spieler/-innen, sind auch die Massnahmen der Eltern bei längeren Abwesenheiten oder bei Nichteinhalten der Regeln. Hubert Bucher nimmt seinem Sohn bei Bedarf die Geräte weg. «Das kann für Stunden, Tage oder gar eine Woche sein.» Valeria Gunz geht prophylaktisch vor. «Ich verstecke die TV-Fernbedienung und das iPad oder ich schalte das WLAN aus.» Viele Kritiker monieren die Gewalt in «Fortnite» und die mit 12 Jahren relativ tiefe Altersfreigabe, was wohl damit zusammenhängt, dass in den Schiessszenen kein Blut fliesst. Auch die wählbaren Figuren (Vikinger, Amazonen, Schneemänner) mit Namen wie Eiskönig, vulkanische Walküre oder Zenit wirken auf erwachsene Betrachtende comicartig. Und trotzdem kann bei den noch jungen Spielenden eine gewisse Gewalt-Faszination und Blutdurst ausgemacht werden, denn oft fallen während des Spiels Ausdrücke wie «stirb» oder «Headshot», die bei Vorpubertierenden noch nicht zum Sprachgebrauch gehören sollten. Für Hubert Bucher ist wichtig, «dass ein Kind auch andere Hobbys und soziale Kontakte pflegen sollte« und Valeria Gunz betont, dass für eine gelingende Handhabe mit dem «Fortnite»-Spiel «Präsenzzeit und klare Strukturen der Eltern erforderlich sind.» Nicht nur Eltern hoffen, dass die «Fortnite»-Manie irgendwann ein Ende findet und die Virtualität nicht zur Realität wird. Eltern können sich bei Fragen rund um den Umgang mit Neuen Medien bei der Jugend- und Familienberatung CONTACT melden.

Stefan Kämpfen